Facebook verärgert User (Update: und rudert zurück)

geko
Geschrieben am 17.02.2009
von Georg Konjovic

Kaum eine Social Website erfuhr in den letzten Monaten in Deutschland einen so enormen Zulauf wie Facebook. Es scheint als sei der Tipping Point endgültig erreicht und Facebook auf dem Weg zu einer allumfassenden Community.

Nun aber brodelt es gewaltig innerhalb der aktiven und kritischen Userschaft. Am 4.2. änderte Facebook seine Nutzungsbedingungen (Terms Of Service/TOS) und informierte darüber in seinem Blog. Nun sind AGB-Änderungen in der Regel wenig spektakulär und die meisten Kunden ignorieren diese daher. Eine Ausnahme bilden vielleicht deutsche Mobilfunkverträge, da hier jede AGB-Änderung eine willkommende Chance zum Widerspruch und somit ggf. zur vorzeitigen Kündigung des Vertrages darstellen.

Aber was änderte Facebook eigentlich? In den alten TOS hieß es:

You may remove your User Content from the Site at any time. If you choose to remove your User Content, the license granted above will automatically expire, however you acknowledge that the Company may retain archived copies of your User Content.

Die neuen TOS sprechen nun von:

You hereby grant Facebook an irrevocable, perpetual, non-exclusive, transferable, fully paid, worldwide license (with the right to sublicense) to (a) use, copy, publish, stream, store, retain, publicly perform or display, transmit, scan, reformat, modify, edit, frame, translate, excerpt, adapt, create derivative works and distribute (through multiple tiers), any User Content you (i) Post on or in connection with the Facebook Service or the promotion thereof subject only to your privacy settings or (ii) enable a user to Post, including by offering a Share Link on your website and (b) to use your name, likeness and image for any purpose, including commercial or advertising, each of (a) and (b) on or in connection with the Facebook Service or the promotion thereof.

Im Klartext bedeutet dies: Alle jemals Facebook zur Verfügung gestellten Informationen (Texte, Bilder, Mails, Statusmeldungen, …) dürfen auch nach (!) Abmeldung bei Facebook uneingeschränkt durch Facebook verwendet werden.

Vor kurzem (gestern?) gründete sich nun eine Facebook Gruppe “People Against the new Terms of Service (TOS)“, die Gründerin lebt in Norwegen. Wie sehr diese, krasse Veränderung der Nutzungsbedingungen die Facebook-Mitglieder in Rage und auch in Sorge bringt, zeigt die Zahl der Unterstützer: Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrages (17.02.09, 07 Uhr) sind bereits über 14.000 Mitglieder der Gruppe beigetreten!

Der Gründer von Facebook, Marc Zuckerberg, reagierte nun in einem neuen Beitrag im Unternehmensblog. Es gibt zu, dass Facebook besser kommunizieren muss. Aber er sagt auch:

In reality, we wouldn’t share your information in a way you wouldn’t want. The trust you place in us as a safe place to share information is the most important part of what makes Facebook work. Our goal is to build great products and to communicate clearly to help people share more information in this trusted environ

Das klingt erst einmal nett, ist aber dann doch nur Gewäsch. Nicht vergessen: Bei Facebook publizieren Millionen von Usern (auch ich) private und sehr private Informationen. Die Urheber dieser Informationen müssen zwingend selbst bestimmen können, wer diese Abrufen darf und vor allem auch wie lange diese abgerufen werden dürfen. User müssen sich sicher sein, dass der “Löschen”-Button auch löscht, dass der “Abmelden”-Button auch abmeldet. Die Selbstbestimmung eines jeden Menschen schließt zwingend seine virtuelle Darstellung in Communitys mit ein. Dass Marc Zuckerberg hier zusichert, dass Facebook nie etwas tun würde, was die User nicht wollen, ist süß, aber juristisch nicht greifbar. Facebook ist ein Unternehmen, welches Geld verdienen will und muss.

Ob die Änderung der TOS übrigens juristisch in Ordnung ist, darf bezweifelt werden. Ein passiver Blog-Beitrag (auch noch recht versteckt) könnte durchaus als unzureichende Informationsart gesehen werden.

Die nächsten Tagen werden spannend. Facebook-Mitglieder sollten die o.g. Gruppe im Auge behalten bzw. selbst beitreten, wenn sie gegen die neuen TOS protestieren wollen. Am Ende könnte es gut sein, dass die eigenen User Facebooks neue TOS zu Fall bringen. Es wäre nicht der erste Fall, dass eine Community ihre “eigene” Plattform in die Knie zwingt.

Update (17.2.09, 08:15): Inzwischen sind fast 15.000 Mitglieder in o.g. Protestgruppe. Facebook selbst hat vor rund sieben Stunden die offene Kommunikation innerhalb der Gruppe begonnen (Topic: “Questions for Facebook”) und bittet um konkrete Fragen zu den neuen TOS. Diese würden von den Abteilungen Communications und Legal bearbeitet und beantwortet.

Update 2 (18.02.09, 14:00): Die Community hat gesiegt – Facebook kehrt zu den alten TOS zurück! Neue, geänderte TOS sollen nun mit der Community gemeinsam erarbeitet werden, um solche Missverständnisse zu vermeiden. Mehr als 75.000 Mitglieder hat die Protestgruppe inzwischen.

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Deutsche Bahn im Kommunikationsdesaster 2.0

geko
Geschrieben am 03.02.2009
von Georg Konjovic

Zum aktuellen “Datenschutzskandal” bei der Deutschen Bahn AG möchte ich mich nicht äußern. Mein ehrlicher Beweggrund: Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt einen Skandal gibt oder aber nur eine medial aufgebauschte Unschönheit. Dies zu bewerten, überlasse ich aber lieber Juristen, wenngleich ich fürchte, dass eher Politiker versuchen werden, eine Klärung zu stören.

Was sich aber seit heute bei der Bahn abspielt, ist ein Lehrbuchstück der schlechten Krisenkommunikation. Und es zeigt, dass die Kommunikationshoheit bei der Bahn nicht eindeutig beim Vorstand liegt, sondern scheinbar auf viele Schultern verteilt ist. Darunter leider auch die von eifrigen Juristen.

Was war geschehen?

Der Berliner Blogger, Netzaktivist und Veranstalter der re:publica (Disclaimer: Ich besuche regelmäßig dieses Event und zolle den Organisatoren hierfür großen Respekt), Markus Beckedahl hat am 31. Januar 2009 das o.g. aktuelle Datenschutz-Thema der Bahn aufgegriffen und u.a. ein PDF-Dokument verlinkt. Dieses Dokument ist nichts geringeres als die Mitschrift des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten. Durchaus brisantes Material, welches auch schon durch traditionelle Medien wie der Süddeutschen Zeitung in Auszügen veröffentlicht/zitiert wurde. Netzpolitik.org stellte jedoch das gesamte PDF online.

Heute: Die Bahn kommt, die Abmahnung auch

Die Veröffentlichung scheint … ja, wem eigentlich? – dem Bahn-Vorstand? Der Konzern-Rechtsabteilung? Einer eifrigen externen Anwaltskanzlei? … nicht zu schmecken. Heute erhielt Netzpolitik.org eine Abmahnung, in der er zur sofortigen Entfernung des PDF sowie zur Abgabe einer Unterlassungserklärung aufgefordert wird.

Die Folgen: Das Dokument ist unsterblich

Irrwitzig. Die Abmahnung hat das zur Folge, was sie verhindern sollte: Das PDF wird rasend schnell verbreitet und ist absolut unsterblich geworden. Ein kurzer Check in diversen Tauschbörsen und weiteren Blogs bestätigt: Dieses Dokument wird nie wieder aus dem Internet entfernt werden.

Aus Sicht des Guerilla-Marketings: Hut ab, gelungen! Aber aus Sicht der klassischen Krisen-PR: Ein Desaster!

Es ist für mich unbegreiflich, dass ein großer, medial durchaus kompetenter Konzern wie die Deutsche Bahn, nicht vorausahnt, welchen Bumerang er auf die Reise schickt mit einer solchen Abmahnung. Markus Beckedahl hat bei twitter z.B. nicht nur einen Follower… sein Hilfe-Ruf dort hatte eine Flut von Re-Tweets zur Folge, auf gut Deutsch: Er wurde immer lauter und immer publiker. Solche Reaktionen muss ein Kommunikationsprofi voraussehen können. 

Die nächsten Tage werden spannend und die klassischen Medien haben den Fall längst aufgegriffen. Eine kleine Presseschau findet sich in einem Resumee-Artikel von Netzpolitik.org von heute.

Wir bei hamburg.de nehmen uns fest vor: So werden wir nie handeln. Anwälte können menschliche Kommunikation nie ersetzen.

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